bannerbilder

 

Kleine Wunder - Ein Besuch bei Herrn Khalifa

Der Zug fährt in Richtung München und ich frage mich, ob diese Reise wohl den erhofften Erfolg bringen wird.
Freitag, der zehnte März im Jahre zweitausend. Freitag, der Tag an dem Joachim und ich auf dem Weg zu einem Wunderheiler sind.
Einem ägyptischen Wunderheiler in Österreich, der Joachims massiven Bandscheibenprobleme beseitigen soll. Freitag Glückstag?
Das Wetter zeigt sich schon mal nicht von seiner Sonnenseite. Wir erreichen den kleinen Ort hinter Salzburg bei strömendem Regen. Der Taxifahrer kennt die Adresse.

12:03 Uhr. Joachim ist soeben mit dem Heiler hinter einer Tür verschwunden. Ich durfte wie erwartet dem „Heilungsprozess“ nicht beiwohnen. Welcher Künstler lässt sich schon gern auf die Finger sehen...
Aus der Erzählung unseres Nachbarn, welcher uns diesen Wunderheiler empfohlen hatte, weiß ich ohnehin was Joachim zu erwarten hat. Joachims Rücken wird nach der Behandlung von roten Striemen übersät sein. Dies habe ich allerdings wohlweislich für mich behalten.

Der Patient, der bei unserem Eintreffen die Praxis verlassen hatte, sah ganz normal aus. Keine Folterspuren, kein entrückter Blick.
Überhaupt sieht es hier nicht nach einer Wunderheilerpraxis aus, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Keine Fetische an den Wänden, keine Meditationsmusik, kein Glöckchengebimmel, Räucherstäbchen oder sonstiger Schnick-Schnack aus der Esoterik Szene. Nichts dergleichen.
Der Empfangstresen aus Kirschholz im Vorzimmer, sowie das Wartezimmer – sechs Stühle aus Korbgeflecht und ein Holztischchen in der Mitte - gleichen den gängigen Arztpraxen.

Mutterseelenallein sitze ich nun hier und versuche diesen penetranten Geruch zu analysieren. Der ganze Raum ist erfüllt von diesem „Gestank“ und es dauert einige Zeit bis ich draufkomme: Kaugummi! Es riecht hier tatsächlich nach diesem Double-Bubble-Kaugummi.

Aus dem Behandlungszimmer dringt kein Laut. Nichts. Kein Jaulen, kein Stöhnen. Die einzige Geräuschkulisse im Moment: Trister Regen, der ans Fenster prasselt und geräuschvoll vorbeifahrende Autos.
Mein Magen knurrt, obwohl ich nicht das leiseste Hungergefühl verspüre.
Oha! Soeben hat sich etwas getan. Joachim hat dreimal gehustet. Jetzt ist es wieder still. Hoffentlich weiß er nachher noch was der Heiler alles mit ihm angestellt hat.
Diese Warterei macht mich verrückt!!!
Ich fotografiere das Wartezimmer! Als kleine Erinnerung an diese qualvolle Stunde.

12:28 Uhr: Joachim hat wieder dreimal gehustet, dann noch zweimal. Natürlich absichtlich. Jetzt herrscht wieder diese unheimliche Stille. Ich kann beim besten Willen keinen Schmerzlaut hören. Zum Glück.
Der Kaugummigestank ist nicht mein Ding.

Jetzt rumpelt’s! Ich höre Joachim etwas von seinem Fuß erzählen. Jetzt ein kurzes Keuchen von ihm. Weiß der Geier was die da drin machen...
Die Geräuschkulisse ändert sich abrupt. Man könnte meinen, Joachim hüpft wild auf einem Bett herum, dessen Bettrost lose ist...
Dann wieder Stille.

12:37 Uhr – kein Toben, kein Kreischen, keine Meditationsmusik. Stille!
Nun, wenn der mit elektromagnetischen Feldern arbeitet...
Die Röntgen- und CT-Bilder wollte er gar nicht sehen. Haben wir umsonst mitgeschleppt, aber was soll’s – Hauptsache der Weg hat sich gelohnt.

12:50 Uhr – Stille, Stille, Stille...
Der Regen hat aufgehört. Unser Zug fährt um 14:40h wieder nach Salzburg, dann weiter nach München – Stuttgart. Joachim hat heute früh noch seine Bandscheiben-Drogen genommen. Ohne die, wären wir jetzt garantiert nicht hier.

„Der Reichtum der Mittel gegen bestimmte Krankheiten deutet auf die Armut und die Not der Kunst hin – Hoffmann.“ Ein Zitat. Hängt eingerahmt im Wartezimmer. Wahre Worte.
Ich vermute, dass Joachim und sein Heiler jetzt in eine Meditation versunken sind.
Die Uhr sagt 13:07 Uhr und nichts, aber auch gar nichts rührt sich. Kein Husten, kein Wort, kein Quietschen, kein Stühlerücken. Nur Stille.
Joachim hat garantiert schon Entzugserscheinungen. Seit einer Stunde hat er keine mehr geraucht.

13:15 Uhr: Ich höre Stimmen. Ich vermute jetzt ist es endlich soweit und die Behandlung ist abgeschlossen. Wie gebannt starre ich auf die Tür.
13:20 Uhr: Es poltert. Der Heiler gibt Anweisungen, die ich akustisch nicht verstehen kann. Wahrscheinlich muss Joachim jetzt irgend etwas machen. Wenn ich meinen Ohren trauen wollte, würde ich behaupten er schlägt ein Rad!
Hoffentlich hat die Therapie angeschlagen.

14:58 Uhr – wir sitzen im stehenden Zug in Salzburg. Joachim fühlt sich gut.
Harte Arbeit – harter Lohn. Na ja, was sind schon tausend Mark wenn’s um die Gesundheit geht...
Joachim soll gut und mit Appetit essen. Viel Gemüse, wenig Kaffee, keinen Alkohol.
Nach der Behandlung so gegen 13:40 Uhr gönnten wir uns im Stehcafé vis-a-vis der Praxis einen Kaffee. Dann geht’s noch rasch in die Apotheke, um die Wundersalbe zu kaufen und jetzt endlich weiß ich, wo dieser Kaugummi-Geruch seinen Ursprung hat. Die Salbe verströmt diesen nicht gerade dezenten Duft.
Mit leeren Taschen und der Hoffnung im Reisegepäck, kommen wir schließlich abends gegen 20 Uhr wieder zu Hause an.

Wie vorhergesagt, war der Schmerz am nächsten Tag noch präsent. Erst am Sonntag zeigt sich leichte Besserung. Joachim schläft viel und oft.
Das kleine Wunder ist tatsächlich eingetreten, auch wenn Joachim heute Nacht um drei Uhr lautstark verkündete, er habe 1000 DM in den Sand gesetzt.
Wunder dauern eben etwas länger.
Der Wille gesund zu werden, verbunden mit dem Gedanken an das schmerzliche Honorar sind bei diesem Genesungsprozess nicht unerheblich...

 

Datum: 20.03.2000

 

Bücher zu Herrn Kalifas Heilmethoden direkt hier bestellen:

khalifaheilenstatt

buchkhalifa