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Unheimliche Begegnungen

Teuflisches Spiel

Gespenstisch ragte das verfallene Haus im Schatten der hereinbrechenden Dämmerung vor mir empor. Die bizarren Umrisse der mit Efeu bewachsenen Mauern, der schmale Steinpfad, der schnurgerade durch den verwilderten Garten führte, nichts schien sich während der vergangenen zehn Jahren an diesem abgelegenen Ort verändert zu haben.
Trotz des schwülen Sommerabends, verspürte ich beim Anblick dieser Kulisse einen leichten Schauer und noch während ich mich langsam von meinem Wagen entfernte, fragte ich mich, ob es richtig war, noch einmal hier herzukommen.
Vielleicht wäre es besser gewesen, diese seltsame Einladung einfach zu ignorieren.

Ausgerechnet Konrad war es, der mich eingeladen hatte, zusammen mit der alten Clique, hier seinen sechsundzwanzigsten Geburtstag zu feiern. Nichts Ungewöhnliches, möchte man meinen. Dennoch hatte ich das ungute Gefühl, dass es sich bei dieser Einladung um mehr handeln könnte, als nur darum, alte Erinnerungen aufzufrischen.
Zehn Jahre waren vergangen, seit wir uns das letzte Mal hier getroffen hatten. Der Kontakt zu den Freunden, war längst eingeschlafen. Aus den fünf Teenagern von damals, waren inzwischen erwachsene Menschen geworden, von denen die meisten dieser ländlichen Idylle den Rücken gekehrt hatten.
Die friedliche Stille, von zirpenden Grillen untermalt, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, was sich an diesem Ort einst abgespielt hatte.
Entferntes Donnergrollen jagte mir erneut einen Schauer über den Rücken. Wie damals, durchfuhr es mich, und plötzlich war ich wieder das fünfzehnjährige Mädchen, das jene unheimliche Nacht noch einmal durchlebte...


Roswitha, Gerlinde und ich waren von der Idee, uns kurz vor Mitternacht in unserem „Geisterhaus“ zu treffen, nicht besonders angetan. In letzter Zeit hatten sich unsere nächtlichen Treffen mit den Jungs gehäuft. Kein Wunder, dieser abgelegene Ort, bot sich geradezu an, Verbotenes zu tun. Angefangen von der ersten Marihuana Zigarette, bis hin zu neugierigen, erotischen Spielchen - hier konnten wir sicher sein, von niemandem beobachtet zu werden. Niemand kümmerte sich darum, was eine Gruppe Fünfzehnjähriger nachts hier zu suchen hatte. Niemand ahnte, was in diesem alten Gemäuer vor sich ging.

Konrad und Helmut hatten uns bereits ungeduldig erwartet. Umringt von brennenden Kerzen, saßen sie auf staubigen Bodendielen in einem der baufälligen Zimmer und tuschelten.
„Na endlich“, empfing uns Konrad vorwurfsvoll, nachdem er uns bemerkt hatte. „Wo seid ihr denn so lange gewesen? Los setzt euch zu uns!“ Konrad hatte seit Kurzem seinen Spaß daran, uns mit unheimlichen Geschichten aus der Geisterwelt zu unterhalten. Bereits am Nachmittag hatte er angedeutet, daß er uns heute nacht etwas ganz besonderes präsentieren wolle.
Nachdem wir uns alle im Kreis um ihn versammelt hatten, kam er endlich zur Sache. Mit gesenkter Stimme, begann Konrad sein Geheimnis zu lüften: „Punkt Mitternacht wird eine feurige Hand herabfahren und dieses Blatt Papier verschwinden lassen.“ Er zog ein zusammengefaltetes Papier aus seiner Jeansjacke, bevor er fortfuhr. „Jeder, der seine Seele dem Teufel verschreibt, wird einer sorgenfreien, erfolgreichen Zukunft entgegensehen. Alles was wir tun müssen, ist, auf diesem Papier zu unterschreiben. Jeder mit seinem Blut.“ Erwartungsvoll sah er in unsere Gesichter.
Donnergrollen, eines rasch näherkommenden Gewitters, gestaltete die Szenerie nahezu perfekt.
„So ein Quatsch! Was soll das?“ Helmut kicherte unsicher. „Ich hätte da eine viel bessere Idee.“ Sein vielsagender Blick wanderte zu Roswitha, die Konrad mit weit aufgerissenen Augen anstarrte.
„Die Zeit drängt. Also was ist?“ Konrad reichte jedem von uns eine Dose Bier, die er in seinem Rucksack mitgebracht hatte. Rasch trennte er den Verschluß von einer der Dosen. Dann ritzte er sich solange damit in den Finger, bis eine dünne Blutspur hervortrat.
„Du bist ja vollkommen bescheuert“, schrie ich aufgebracht, „mit so etwas sollte man nicht spaßen.“
„Ihr glaubt doch nicht etwa an diesen Humbug!“ Gerlinde, die sich bisher ziemlich ruhig verhalten hatte, war plötzlich aufgesprungen. „Ich kann euch sagen, was passieren wird. Nichts.“ Sie griff ebenfalls nach einer vollen Bierdose und kurz darauf, kritzelte auch sie ihren Namen auf das Blatt.
Nach einer Weile hatten wir alle fünf - weniger aus Überzeugung als aus Neugier - unseren Namen darunter gesetzt, und warteten nun gespannt darauf, was wohl geschehen würde.
Das Gewitter war jetzt direkt über uns. Jedesmal wenn ein Blitz das Zimmer flackernd erhellte, zuckten wir erschrocken zusammen. Jeder von uns starrte wie gebannt auf das Papier in unserer Mitte. Als Konrads Uhr um Mitternacht anfing zu piepsen, war die Spannung fast nicht mehr zu ertragen.
Nichts geschah. Keine Feuerhand, kein Schwefelgeruch. Erst weit nach Mitternacht, traten wir schließlich den Heimweg an. Alle waren erleichtert. Bis auf Konrad.
Keiner von uns hatte diese Nacht je wieder erwähnt. Ich hatte dieses Haus seit damals nie wieder betreten, bis heute...

„He, seht mal wer da ist!“ Die freudige Begrüßung galt offensichtlich mir. Konrad dessen feuerrotes Haar nicht zu verkennen war, kam mit schnellen Schritten auf mich zu. Er musterte mich grinsend. „Wir dachten schon, du kommst nicht“, sagte er, und drückte mir fest die Hand. Ich fühlte mich nicht besonders wohl in seiner Gegenwart. Sein unverschämtes Grinsen irritierte mich.
Fast erleichtert entdeckte ich Roswitha und Helmut, die gemächlich den schmalen Gartenpfad entlang kamen.
„Wo ist Gerlinde?“ fragte ich arglos, nachdem ich auch die beiden begrüßt hatte. Statt einer Antwort, sah ich in drei betroffene Gesichter.
„Sie wird nicht kommen“, sagte Konrad eisig, und entfernte sich hastig. Wir folgten ihm hinters Haus.

Während die beiden Männer damit beschäftigt waren Steaks auf den Grill zu legen, nutzte ich die Gelegenheit dazu, Roswitha nach Gerlindes Verbleib zu fragen.
„Ihre acht Monate alte Tochter ist vor wenigen Wochen gestorben. Plötzlicher Kindstod“, flüsterte sie mir zu. „Sie gibt uns die Schuld daran.“
„Uns?“
„Na ja, genauer gesagt Konrad. Du weißt schon, diese Teufelsgeschichte von damals.“
„Aber das ist doch blanker Unsinn“, widersprach ich rasch.
„Unsinn oder nicht, sie ist fest davon überzeugt, dies sei ihre Strafe dafür.“
„Ich muss zugeben, Konrads Einladung kam ziemlich überraschend. “ Ich wechselte schnell das Thema, als ich Konrad näherkommen sah.
Er setzte sich auf einen der Klappstühle zu uns an den kleinen Campingtisch.
„Wir sind nicht zufällig hier“, meinte er mit einem seltsamen Unterton in der Stimme. Dann holte er eine Dose Bier aus der Kühlbox und löste zischend den Verschluß.
„Natürlich nicht. Du hast uns schließlich hier her zitiert.“ Roswitha griff ebenfalls nach einem Bier.
„Erinnert ihr euch noch?“ fragte er, während er uns den Dosenverschluß grinsend entgegenhielt. „Irgend etwas lief damals schief“, murmelte Konrad. Er sprach jetzt ziemlich leise, eigentlich mehr zu sich selbst. „Von wegen unbeschwerter Zukunft! Keine Arbeit, die Wohnung gekündigt...“ Sein widerliches Grinsen war jäh verschwunden. In seinem Blick lag nur noch eisige Kälte, die mich trotz der Sommerschwüle erschauern ließ.
„Nun hör schon auf damit! Es war dumm von uns, was wir damals getan hatten“, stieß ich verärgert hervor. Auch Roswitha war aufgesprungen.
„Wenn ihr streiten wollt, bitte. Aber ohne mich“, sagte sie, und ließ mich mit Konrad allein am Tisch zurück.
„Glaub mir, ich weiß wovon ich rede. Ich habe mich eingehend mit dieser Materie beschäftigt. Wir könnten es noch einmal...“
„Du bist ja vollkommen verrückt. Ich glaube nicht, dass du einen von uns überreden kannst, diesen Wahnsinn zu wiederholen“, fiel ich ihm ins Wort, „mit mir brauchst du auf jeden Fall nicht rechnen.“
Konrad starrte mich abwesend an. Er sagte kein Wort und ich war mir nicht sicher, ob er mir überhaupt zugehört hatte.
„Wir sollten uns besser mit dem Essen beeilen, wenn wir nicht naß werden wollen“, rief Roswitha vom Grill herüber. Ich war froh, als sie sich kurz darauf - mit einem reichlich beladenen Teller - neben mich setzte. Auch ich schickte mich an mein Steak zu holen, wenngleich mir inzwischen der Appetit vergangen war.

Trotz des herannahenden Unwetters, hatten Roswitha und ich es vorgezogen, unmittelbar nach dem Essen einen kleinen Verdauungsspaziergang zu machen. Nicht zuletzt, um auf diese Weise unserer tristen „Tafelrunde“ zu entkommen. Während Konrad und Helmut über den Sinn und Unsinn von Okkultismus diskutierten, lenkten wir unseren Schritt dem nahegelegenen Wäldchen entgegen.
„Der Kerl ist ja total übergeschnappt“, sagte ich, nachdem wir außer Hörweite waren. „Von mir aus kann er seine Show um Mitternacht abziehen, aber ohne mich.“
„Am besten, wir verschwinden so schnell wie möglich wieder von hier“, schlug Roswitha vor. „Ich habe nicht die Absicht mir den Rest des Abends Konrads Spinnereien anzuhören. Du könntest bei mir übernachten, wenn du willst.“
Roswithas Angebot war zu verlockend, als daß ich es abschlagen konnte. Auch sie
war ziemlich verärgert, über Konrads Absicht, mit einer kleinen „Okkult-Session“, wie er es nannte, sein neues Lebensjahr beginnen zu wollen.
Erste dicke Regentropfen trieben uns zur Eile an. Noch während wir umkehrten, hatten wir unsere Entscheidung getroffen: Konrads Party würde ohne uns weitergehen.
Kurz darauf, verabschiedeten wir uns eilig, und ließen die beiden Männer allein an diesem düsteren Ort zurück.

Während draußen ein heftiges Gewitter tobte, saßen Roswitha und ich in deren gemütlichen Wohnung und plauderten bei einem Glas Wein. Sie war die Einzige, die von uns noch im Dorf wohnte.
„Ob die beiden wohl noch dort sind?“ fragte ich zwischen zwei Donnerschlägen. Es war kurz vor Mitternacht und ich wollte mir nicht vorstellen, was Konrad und Helmut in diesem Moment trieben.
„Konrad wird sich inzwischen beruhigt haben“, meinte Roswitha, während sie uns noch etwas Rotwein nachgoss. „Wahrscheinlich sind die beiden längst nach Hause gegangen.“
„Hast du Konrads hasserfüllten Blick gesehen, als wir uns von ihm verabschiedeten?“ Ich erinnerte mich nur ungern an diesen Moment.
„Zumindest können wir sicher sein, dass er uns ganz bestimmt nie wieder einladen wird“, scherzte Roswitha. Sie ahnte nicht, wie recht sie damit haben sollte.
Im selben Moment zuckte ein greller Blitz vom Himmel. Fast gleichzeitig, krachte ein ohrenbetäubender Donnerschlag durch die Nacht. Roswitha und ich starrten uns an.
„Mitternacht“, flüsterte Roswitha fast ehrfürchtig.
„Nun fang du nicht auch noch an“, schrie ich hysterisch.
Kurz darauf drang das Heulen eines Martinshorns zu uns herauf.
„Vielleicht sollten wir hinterherfahren“, schlug Roswitha vor. „Komm, beeil‘ dich, ich hab noch ein altes Rad in der Garage.“

Ich hatte mich beeilt und war Roswitha willig durch den prasselnden Regen gefolgt. Wenig später stierten wir durch dichten Qualm in eine lodernde Flammenhölle, deren Schlund sich direkt vor uns auftat. Roswitha und ich waren nicht die Einzigen die zusahen, wie die letzten Mauerreste unseres „Geisterhauses“ niederbrannten. Einige der Dorfbewohner waren ebenfalls hergekommen. Die Älteren unter ihnen, raunten geheimnisvoll untereinander.

Plötzlich fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter. Erschrocken fuhr ich herum und atmete erleichtert auf, als ich in Helmuts Gesicht blickte.
„Gott sei Dank“, stammelte ich, „wir dachten schon...“
„War Konrad bei dir?“ fragte Roswitha und sah sich suchend in der Menge um.
„Ich konnte ihn nicht davon abbringen. Konrad war geradezu besessen davon, dieses Ritual zu wiederholen. Er war ziemlich betrunken, als ich ihn hier zurück ließ.“ Helmut hatte Mühe zu sprechen. Seine Lippen bebten, als er fortfuhr: „Ich befand mich mit meinem Wagen erst wenige Minuten auf der Landstraße, als der Blitz hier einschlug. Hätte ich noch länger gezögert, dann...“
„Im Fegefeuer begraben“, murmelte Roswitha abwesend. „Glaubt ihr, es war Zufall?“ Für den Bruchteil einer Sekunde, glaubte ich diesen Ausdruck in ihren Augen gesehen zu haben. Diese Eiseskälte eines Blickes, der mich heute schon einmal erschauern ließ, als Konrad mich angesehen hatte.
Ich wollte keine Sekunde länger hier bleiben. Nichts wie weg! Weg von Roswitha und Helmut, weg von den alten Erinnerungen. Gleichzeitig wusste ich, dass es kein Entrinnen für mich geben würde. An keinem Ort auf dieser Welt. Diesmal war ich der lodernden Flammenhölle noch entkommen. Diesmal, dachte ich, und taumelte benommen durch den langsam nachlassenden Regen.

 

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Kontakt
Schritte knistern bin ganz sicher,
was sonst sollte hier im Laub
dies Geräusch verursachen?
Frag nicht nach – es ist schon fast Mitternacht
und ich hab alles dichtgemacht.
Nicht Mensch, nicht Tier kommt hier herein.
Nicht Kälte und nicht Sonnenschein.
Im Feuerschein der Kerzen -
Schemen an der Decke.
Ein zarter Hauch streift meine Wange
ich atme tief und halte inne.
Spür fröstelnd diesen eisigen Hauch.
Dann diese dünne Stimme,
von Wänden schallt sie durch den Rauch.
Kerzen flackern durch die Stille.
Die Uhr schlägt Mitternacht.

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Unsichtbare Schatten
Wenn die Grenze zwischen Wachen und Träumen, Wahrnehmung und Halluzination nicht mehr auszumachen, die Schwelle ins Reich des Unerklärlichen bereits überschritten ist, bleibt als einziger Zeuge die Erinnerung, als unsichtbarer, zweifelhafter Schatten, einer unheimlichen Begegnung zurück.

Es war ein Tag wie jeder andere – vielleicht nicht ganz - wie sich allerdings erst später herausstellen sollte. Ich befand mich wieder in meiner gewohnten Umgebung. Vier Tage waren vergangen, seitdem ich das kleine Einfamilienhaus am Dorfrand verlassen hatte. Vier Tage, in denen sich mein Leben verändert hatte.
Vergessen waren die Strapazen der Geburt, als ich mit meinem neugeborenen Sohn und dessen vierjähriger Schwester heimkehrte. Noch während ich das Haus betrat, zweifelte ich keine Sekunde daran, diese neue Situation vorerst auch alleine zu meistern. Es blieb mir ohnehin nichts anderes übrig, denn mein Mann war - nicht nur räumlich - tausende von Kilometern weit entfernt. Seine Geschäftsreise nach Rio hatte keinen Aufschub geduldet. Die kommenden Tage und Nächte würde ich also allein mit meinen Kindern verbringen. Noch ahnte ich nicht, dass mir bereits diese erste Nacht noch lange im Gedächtnis bleiben sollte.


Was auch immer mich kurz vor Mitternacht aus dem Schlaf geschreckt hatte, der Kleine war es nicht gewesen. Ich lag hellwach in meinem Bett und lauschte angestrengt in die Stille. Nichts. Aus dem Kinderzimmer nebenan drang kein Laut. Dennoch wollte ich mich vergewissern, ob mit meinem Jüngsten alles in Ordnung war.
Noch ehe ich jedoch das Bett verlassen konnte, hörte ich ein dumpfes, hohl klingendes Geräusch im Haus. Es dauerte ungefähr eine Schrecksekunde, um das gleichmäßig laute Poltern zu analysieren. Schritte. Schritte, die auf den Marmorstufen der Treppe hallten. Schritte, die sich kontinuierlich näherten.
Mein Vorhaben ins Zimmer nach nebenan zu gehen schwand jäh.
Mit rasenden Gedanken, und der furchterregenden Vorstellung im eigenen Haus gefangen zu sein, lag ich wie erstarrt in meinem Bett.
Die Schlafräume befanden sich zwar im obersten Stockwerk des Hauses - der Eindringling hatte also noch einige Stufen zu bewältigen, ehe er bei uns war - doch diese Erkenntnis war in diesem Moment nur ein schwacher Trost.

Das Telefon auf dem Nachttisch schien mich geradezu hämisch anzugrinsen. Noch wäh-rend mir der Gedanke durch den Kopf schoss nach dem Hörer zu greifen, erkannte ich bereits die Aussichtslosigkeit dieses Vorhabens, denn noch ehe ich die erste Ziffer des Notrufs gewählt hätte, konnte mein „Gast“ bereits hier sein.
Es gab nichts was ich tun konnte, außer zu warten. Warten, was geschehen würde. Warten und beten, dass die Kinder sich weiterhin ruhig verhalten würden.
Wenn der Einbrecher davon überzeugt war, dass ich fest schlief, würde er sich vielleicht wieder aus dem Staub machen, dachte ich. Immerhin war das Haus während der letzten Tage unbewohnt gewesen. Möglicherweise ging jener Unbekannte davon aus, dass er alleine im Haus war und ungestört herumschnüffeln konnte. Dies wäre auch eine Erklärung für sein lautstarkes Traben durchs Treppenhaus.
Also versuchte ich in regelmäßigen Abständen ruhig zu atmen. So, als würde ich tief und fest schlafen.
Plötzlich herrschte Stille. Das Poltern hatte aufgehört. Kein Laut, kein Schritt. Nichts. Diese Stille erschien mir noch unheimlicher.
Mit geschlossenen Augen lag ich wie gelähmt in meinem Bett, direkt neben der halb geöffneten Schlafzimmertür. Direkt in greifbarer Nähe...

Noch während ich wünschte, dies alles nur zu träumen, diesen nächtlichen Spuk durch einen Augenaufschlag beenden zu können, hörte ich ein anderes Geräusch, das mich jäh mit der gnadenlosen Realität konfrontierte: Atemgeräusche.
Soweit ich im Stande war deren Ursprung zu lokalisieren, befand sich das dazugehörige Wesen zwischen Schlafzimmertür und Fenster. Oder anders ausgedrückt, etwa eine Armlänge von mir entfernt.
Während das Klopfen meines Herzens die nächtliche Stille zu durchbrechen schien, versuchte ich nicht daran zu denken, dass mich in diesem Moment jemand beobachtete. Jemand, der dicht an meiner Seite stand und sich nicht von der Stelle rührte.
Die Leuchtanzeige des Radioweckers war hell genug, um mich zu sehen und die Gewissheit, dass ein fremdes Augenpaar auf mir ruhte, trieb mich fast in den Wahnsinn.
Ich bemühte mich verzweifelt tief und gleichmäßig zu atmen, während ich mich fragte, wie lange ich diesen Zustand ertragen würde.

Licht. Ein neuer Morgen war angebrochen. Mein erster Gedanke galt dem nächtlichen Horror, den ich offensichtlich heil überstanden hatte. Der Spuk war vorbei!
Die Kinder waren wohlauf, die Haustür verschlossen. Nichts deutete darauf hin, dass vergangene Nacht jemand gewaltsam ins Haus eingedrungen war. Nichts.
Nicht viel, wenn man bedenkt, dass noch wenige Stunden zuvor ein unheimlicher Gast in meinem Schlafzimmer gewesen war.
Wie ich es geschafft hatte, unter all den Umständen einzuschlafen, ist und bleibt mir bis heute ein Rätsel und ich frage mich was in jener Nacht wirklich geschah...


Die Lösung? Ich habe sie bis heute - achtzehn Jahre später - noch nicht gefunden.
Könnte meine damals vierjährige Tochter nachts durchs Haus geirrt sein? War sie es, die vor meinem Bett gestanden und mich schweigend beobachtet hatte?
Gewiss wäre dies eine gelungene Pointe und nicht zuletzt eine plausible Erklärung für das unheimliche Erlebnis in jener Nacht. Eine glaubwürdige, ja geradezu amüsante Variante dieser haarsträubenden Geschichte. Zumindest für alle Nichtbeteiligten.
Vielleicht sollte ich es einfach dabei belassen.

Hin und wieder geschehen unerklärliche, unheimliche Dinge. Wenn die Erinnerung daran sich an die Oberfläche des Bewusstseins zwängt, um hin und wieder eine Erklärung zu fordern, dann liegt es an uns, ob wir gewillt sind, den schmalen Pfad zwischen Realität und Sinnestäuschung, erneut zu beschreiten.
 

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Nebel

Unheimlich diese Nebelschwaden,
wenn sie durch Raum und Zeit sich waben.
Dich umgarnen mit unsichtbarer, lautloser Leichtigkeit.
Ihr feuchtes Gewand berührt dich allzeit.
Du atmest den Nebel erst ein und dann aus,
als käm er von dir, doch dies sieht nur so aus.
Er dringt in dich ein und er macht dich verängstigt,
wenn er zu dicht wird, bedrohlich, vergänglich.
Durch ihn hindurch klingt alles weit weg.
Die Kirchturmglocke schlägt einmal.
Ein Hund kläfft von weither unten im Tal.
Ganz leise ziehen die Nebelschwaden
gleich Feen durchs dämmernde Land.
Mondlicht und Herbstlaub bitten zum Tanz.

 


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November
Raschelndes Laub - getreten, zertreten
Herbstsonnenwärme längst hinterm Berg.
Eisige Böen schneidender Kälte.
Letztes Blattwerk gezwungen zum Fall.
Tanzende Wolken wirbelnder Blätter
querfeldein, ziellos, nebelfeucht.
Modergeruch weckt Erinnerungen
Kindheitstage, Seelental.
Dämmerung schmilzt ins Schattenreich,
paart sich zur Nacht mit gespenstischem Dunst.
Knarrende Türen, hallende Schritte,
tote Gassen, Geflüster im Wind -
Irrlichter, Sinne getäuscht, vernebelt,
wohliger Schauder zur Mitternacht
flackernde Kerzen Schattenleben
die dunkle Jahreszeit beginnt.


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Vollmond
Aus dem Schlaf geschreckt
völlig ohne Grund
einfach aufgeweckt,
zu der Geisterstund.
Es ist nur der Mond,
rund und leuchtend voll
scheint er dir direkt in dein Bett – na toll.
Was ist nur passiert,
weshalb diese Furcht?
Hab ich was geträumt?
Nein es muss was andres sein.
Horch hinein ganz tief in die stille Nacht.
Hie und da ein Kauz der auch hält die Wacht.
Keine Uhr die tickt,
keine leisen Schritte.
du bist aufgewacht durch des Mondes Güte
Dir zu zeigen sich in der Schönheit selbst
Schlafe ein und träum, eh dich weiterquälst.


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Geisterstunde

Wenn der Mond im Schatten steht,
wenn die Turmuhr zwölfmal schlägt
bizarre Wolken, Nebelschwaden
vom fahlen Mondlicht eingeladen
durch Täler und durch Auen ziehen,
Kürbisse von innen glühen
Ein Windstoß durch das Herbstlaub speit,
dann ist es wieder mal soweit:
Die Schattenwelt hat ihre Zeit.
Entfernte Schritte, Nebelwand
Ahnungen, Gänsehaut, eiskalte Hand -
Ein Flüstern, ein Lachen, ein tierischer Schrei –
dann ist die Geisterstunde vorbei.