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Verweile hier eine kleine Zeit , bei Geschichten aus dem wirklichen Leben. Von Kranken, Gesunden, von Jungen und Alten. Das Leben schreibt täglich neue Stories....
Eine davon findet sich hier:

NORMALER TAG
Aus dem Leben eines Bandscheibengeschädigten

WUNDER
Zu Gast bei Herrn Khalifa

NAVIGATOR
Auf Kriegsfuß mit dem Navigationsgerät

GELDWÄSCHE
Geschenke mal anders

OFFLINE
Telefonmanie

AUGEN AUF
über die Vor- und Nachteile einer OP

 

Normaler Tag

Angefangen hatte es eigentlich schon damit, dass ich die Nacht auf dem Sofa im Wohnzimmer verbracht hatte. Nun stehe ich hier und warte. Warte bereits drei Minuten zu lange auf diesen verdammten Omnibus, der laut Fahrplan längst hier sein müsste!
Ich, in der nassen Kälte eines Januarvormittags,der ich vor allem das Stehen schlechthin meiden sollte, stehe nun also hier und friere!!!
Na endlich. Mit schnaubendem Getöse nähert sich der Bus und er hält tatsächlich an. Na ja, die zwei Stufen werde ich locker nehmen und wenn der Fahrer mir meinen Hundertmarkschein nicht wechseln kann ist er selber schuld.

Endlich sitzen. Dieser Schwerbehindertensitz hinter dem Fahrer erlaubt einem wenigstens sich etwa auszustrecken. Auf der Fahrt in die Stadt die mich wie zum Hohn auch noch am neuen Friedhof vorbeiführt, wird mir bewusst, dass ich keinen Schirm dabei habe. Ausgerechnet jetzt, wo es Bindfäden schüttet.
Na ja, in zwölf Minuten kann sich viel tun. In zwölf Minuten hat es vielleicht schon wieder aufgehört zu regnen und in zwölf Minuten bin ich sowieso zu spät dran.
Sei’s drum! Pitschpudelnass mit zehnminütiger Verspätung beim Krankengymnast aufzutauchen ist schließlich kein Verbrechen. Immerhin bin ich ja mit dem BUS !!! gekommen.
Ein Sch....Wetter! Passend zu meiner Stimmung. Wie ein geprügelter Veteran schleiche ich mich langsam nach hinten um auszusteigen. Mein Kreuz scheint mir wohlgesonnnen. Welch Glück, dass ich den Omnibus ohne nennenswerte Zwischenfälle verlassen kann. Kein Stolperer, kein jaulender Aufschrei.

Wenn der Gymnastik-Futzi meine Rückenmuskeln zu sehen bekommt, wird er gleich wissen wer vor ihm liegt: Ein Mann der Tat. Einer, der sich seit Wochen nach Gutdünken der Ärzteschaft zwischen Zweifeln, Wut und nicht zuletzt hochdosierten, nebenwirkungsgesteigerten Giftpillen und Tropfen herumquälen muss. Welch Jammertal.
Aber noch habe ich ja einen Lichtblick vor mir: die Heimfahrt mit dem Bus.
Eine bodenlose Sauerei ist das. Verlangt der doch für eine Fahrt in die Stadt über zwei Mark!
Ich will doch keine Sightseeingtour machen. Na ja, der Daimler steht gut in der Garage.

Nach Fango und Tango geht’s bald wieder im Gleichschritt Marsch nach Hause.

Um halb vier kommt mein Weib. Dann geht der Stress wieder los: „Hast du wegen der Akupunktur gefragt?“ wird sie mich wieder löchern. Scheiß Nadeln. Ich habe auch so das Stechen im Rücken. Dazu brauche ich keinen Chinesen. Und schon gar nicht heute.

Nun, so ist der Lauf der Dinge. Als Bandscheibengeschädigter hat Mann’s nicht einfach. Eines ist sicher: Wenn ich noch mal auf die Welt komme, dann als Aal.

db_akelei

Kleine Wunder

Der Zug fährt in Richtung München und ich frage mich, ob diese Reise wohl den erhofften Erfolg bringen wird.
Freitag, der zehnte März im Jahre zweitausend. Freitag, der Tag an dem Joachim und ich auf dem Weg zu einem Wunderheiler sind.
Einem ägyptischen Wunderheiler in Österreich, der Joachims massiven Bandscheibenprobleme beseitigen soll. Freitag Glückstag?
Das Wetter zeigt sich schon mal nicht von seiner Sonnenseite. Wir erreichen den kleinen Ort hinter Salzburg bei strömendem Regen. Der Taxifahrer kennt die Adresse.

12:03 Uhr. Joachim ist soeben mit dem Heiler hinter einer Tür verschwunden. Ich durfte wie erwartet dem „Heilungsprozess“ nicht beiwohnen. Welcher Künstler lässt sich schon gern auf die Finger sehen...
Aus der Erzählung unseres Nachbarn, welcher uns diesen Wunderheiler empfohlen hatte, weiß ich ohnehin was Joachim zu erwarten hat. Joachims Rücken wird nach der Behandlung von roten Striemen übersät sein. Dies habe ich allerdings wohlweislich für mich behalten.

Der Patient, der bei unserem Eintreffen die Praxis verlassen hatte, sah ganz normal aus. Keine Folterspuren, kein entrückter Blick.
Überhaupt sieht es hier nicht nach einer Wunderheilerpraxis aus, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Keine Fetische an den Wänden, keine Meditationsmusik, kein Glöckchengebimmel, Räucherstäbchen oder sonstiger Schnick-Schnack aus der Esoterik Szene. Nichts dergleichen.
Der Empfangstresen aus Kirschholz im Vorzimmer, sowie das Wartezimmer – sechs Stühle aus Korbgeflecht und ein Holztischchen in der Mitte - gleichen den gängigen Arztpraxen.

Mutterseelenallein sitze ich nun hier und versuche diesen penetranten Geruch zu analysieren. Der ganze Raum ist erfüllt von diesem „Gestank“ und es dauert einige Zeit bis ich draufkomme: Kaugummi! Es riecht hier tatsächlich nach diesem Double-Bubble-Kaugummi.

Aus dem Behandlungszimmer dringt kein Laut. Nichts. Kein Jaulen, kein Stöhnen. Die einzige Geräuschkulisse im Moment: Trister Regen, der ans Fenster prasselt und geräuschvoll vorbeifahrende Autos.
Mein Magen knurrt, obwohl ich nicht das leiseste Hungergefühl verspüre.
Oha! Soeben hat sich etwas getan. Joachim hat dreimal gehustet. Jetzt ist es wieder still. Hoffentlich weiß er nachher noch was der Heiler alles mit ihm angestellt hat.
Diese Warterei macht mich verrückt!!!
Ich fotografiere das Wartezimmer! Als kleine Erinnerung an diese qualvolle Stunde.

12:28 Uhr: Joachim hat wieder dreimal gehustet, dann noch zweimal. Natürlich absichtlich. Jetzt herrscht wieder diese unheimliche Stille. Ich kann beim besten Willen keinen Schmerzlaut hören. Zum Glück.
Der Kaugummigestank ist nicht mein Ding.

Jetzt rumpelt’s! Ich höre Joachim etwas von seinem Fuß erzählen. Jetzt ein kurzes Keuchen von ihm. Weiß der Geier was die da drin machen...
Die Geräuschkulisse ändert sich abrupt. Man könnte meinen, Joachim hüpft wild auf einem Bett herum, dessen Bettrost lose ist...
Dann wieder Stille.

12:37 Uhr – kein Toben, kein Kreischen, keine Meditationsmusik. Stille!
Nun, wenn der mit elektromagnetischen Feldern arbeitet...
Die Röntgen- und CT-Bilder wollte er gar nicht sehen. Haben wir umsonst mitgeschleppt, aber was soll’s – Hauptsache der Weg hat sich gelohnt.

12:50 Uhr – Stille, Stille, Stille...
Der Regen hat aufgehört. Unser Zug fährt um 14:40h wieder nach Salzburg, dann weiter nach München – Stuttgart. Joachim hat heute früh noch seine Bandscheiben-Drogen genommen. Ohne die, wären wir jetzt garantiert nicht hier.

„Der Reichtum der Mittel gegen bestimmte Krankheiten deutet auf die Armut und die Not der Kunst hin – Hoffmann.“ Ein Zitat. Hängt eingerahmt im Wartezimmer. Wahre Worte.
Ich vermute, dass Joachim und sein Heiler jetzt in eine Meditation versunken sind.
Die Uhr sagt 13:07 Uhr und nichts, aber auch gar nichts rührt sich. Kein Husten, kein Wort, kein Quietschen, kein Stühlerücken. Nur Stille.
Joachim hat garantiert schon Entzugserscheinungen. Seit einer Stunde hat er keine mehr geraucht.

13:15 Uhr: Ich höre Stimmen. Ich vermute jetzt ist es endlich soweit und die Behandlung ist abgeschlossen. Wie gebannt starre ich auf die Tür.
13:20 Uhr: Es poltert. Der Heiler gibt Anweisungen, die ich akustisch nicht verstehen kann. Wahrscheinlich muss Joachim jetzt irgend etwas machen. Wenn ich meinen Ohren trauen wollte, würde ich behaupten er schlägt ein Rad!
Hoffentlich hat die Therapie angeschlagen.

14:58 Uhr – wir sitzen im stehenden Zug in Salzburg. Joachim fühlt sich gut.
Harte Arbeit – harter Lohn. Na ja, was sind schon tausend Mark wenn’s um die Gesundheit geht...
Joachim soll gut und mit Appetit essen. Viel Gemüse, wenig Kaffee, keinen Alkohol.
Nach der Behandlung so gegen 13:40 Uhr gönnten wir uns im Stehcafé vis-a-vis der Praxis einen Kaffee. Dann geht’s noch rasch in die Apotheke, um die Wundersalbe zu kaufen und jetzt endlich weiß ich, wo dieser Kaugummi-Geruch seinen Ursprung hat. Die Salbe verströmt diesen nicht gerade dezenten Duft.
Mit leeren Taschen und der Hoffnung im Reisegepäck, kommen wir schließlich abends gegen 20 Uhr wieder zu Hause an.

Wie vorhergesagt, war der Schmerz am nächsten Tag noch präsent. Erst am Sonntag zeigt sich leichte Besserung. Joachim schläft viel und oft.
Das kleine Wunder ist tatsächlich eingetreten, auch wenn Joachim heute Nacht um drei Uhr lautstark verkündete, er habe 1000 DM in den Sand gesetzt.
Wunder dauern eben etwas länger.
Der Wille gesund zu werden, verbunden mit dem Gedanken an das schmerzliche Honorar sind bei diesem Genesungsprozess nicht unerheblich...
 

db_allium

Navigator

Part I (Mai 2004)

Potz Blitz – was es nicht alles gibt! Seit Montag dieser Woche ist mein Gatte stolzer Besitzer eines Satellitengesteuerten Navigationssystems der Marke „MEDION“: Selbstverständlich kann dieses schnuckelige Gerät nicht nur den Weg ansagen, sondern dient auch noch als Terminkalender, Videoplayer, Notizblock oder wie der Experte sagt „Poket-PC“.

Also so ein Ding ist ja wirklich äußerst praktisch. Erst gestern also wir auf den Weg zum 50ten Geburtstag eines Bekannten waren, hat das Teil sich als ausgesprochen nützlich erwiesen!!!

Wer weiß, ob wir ohne den weiblichen Navi jemals aus den Weinbergen herausgefunden hätten. Stockfinstere Nacht und Nieselregen hatten ihr übriges dazu getan, die Fahrt zu erschweren.

Gut, dass es so was gibt. Ich hab mich bis jetzt noch nicht mit der Technik befasst. Das lass ich lieber den JO machen. Wir müssen jetzt halt immer 10 Minuten früher aus dem Haus, bis das Ding installiert ist und der Satellit uns erfasst hat. Aber dann geht’s ruck zuck los.

Jetzt hab ich gottseidank keinen Stress mehr mit Kartenlesen. Wobei der Apparat nur innerhalb Deutschland taugt.

Fürs Ausland gibt’s wohl extra Software. Das könnte dann eine Abenteuerfahrt werden, wenn die Software nicht richtig funktioniert.

Part II (August 2005)

Inzwischen sind doch einige Fahrten ins Land gegangen und meine anfänglichen Loblieder auf den Navigator – von mir längst als „Schlampe“ betitelt, haben sich gelegt. Das Teil muss irgendetwas gegen mich haben, denn sobald ich es in die Hand nehme geht nichts mehr. Selbstverständlich weiß ich, dass der Bediener stets das Problem darstellt, demzufolge würde ich es nie!!! wagen etwas schlechtes über unser Wegweis-Teil zu sagen.

Am günstigsten ist es, wenn man den Weg gar nicht kennt. Dann merkt man die Umwege weniger. Es sei denn, die Schlampe jagt einen kurz vor Zürich von der Autobahn, um eine kleine Rundfahrt durch einem Züricher Vorort zu machen und einen dann etwa 500 Meter weiter vorne wieder auf die Autobahn zurückschickt.

Ich habe mich von dem Teufelsteil mittlerweile schwer distanziert, da es sonst sowieso nur Zoff gibt. So wie heute.

Auf der Fahrt von Stuttgart nach Schorndorf. Warum musste ich bloß diesen Vorschlag machen, anstatt wie sonst über Esslingen via Reichenbach zu fahren. War ja auch nur um diese Umleitung nach Schlichten zu umgehen....

Wir waren bereits auf der B10 kurz vor ES und hielten es für besser die Schlampe zu aktivieren. Reichenbach ist halt doch nicht mehr Rems-Murr-Kreis, da fährt man schlampenmäßig besser (dachte ich).

Gesagt getan. Bis dato wusste ich gar nicht wie viele „Reichenbachs“ es gibt! Schließlich wurde ich fündig. Ich tippe drauf, sag dem Ding „Navigation starten“ und was passiert? Madame lotst uns von der B10 nach Esslingen. Nun gut, man folgt ja. Doch irgendwann merkten auch wir, dass dies keinesfalls der Weg nach Reichenbach sein kann.

Schon bald kam dann der Fehler zu Tage. Wir steuerten gar nicht Reichenbach an, weil ich die alten Ziele im Navi nicht gelöscht hatte....

Der Umstand, dass ich bei meiner Recherche plötzlich nur noch einen Stumpen des Navigationssticks in der Hand hielt und zwei Messingteile im Schoß liegen hatte, förderte den Frohsinn meines Fahrers nicht wirklich.

In der rechten Hand hielt ich den abgebrochenen Stick, Part zwei dessen steckte im Gerät selber. Glaub jetzt nur keiner, ich würde auf unebener Fahrbahn das fehlende Stiftteil aus dem Navi rauspuhlen, wie mir angewiesen wurde. Das wollte ich dann doch lieber dem Fachmann überlassen, der auch prompt rechts ran fuhr und mit geübtem Griff (das Ding war wohl schon öfter gesplittet) den Stab reparierte.

So war das. Fazit: Die Schlampe ist wieder gerichtet und kann uns auf’s neue Freude bereiten.

Ich weiß jetzt dass der Stick, oder wie immer das Ding zum drauftippen genannt wird besser nicht aus dem Schacht gezogen wird (zumindest nicht von mir).

Mein Tipp: Am besten, man rührt das Ding erst gar nicht an.

In diesem Sinne: Frohe Fahrt!!!

 

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Geldwäsche

Irgendwann im Laufe der Zeit hatte Elfriede sich mit ihren zwei Kusinen darauf geeinigt, dass man sich zu Weihnachten und zum Geburtstag nur noch Geld schenken wollte. Es sei einfacher, wenn sich jeder selber etwas kaufen könne und so jeder seinem eigenen Geschmack entsprechend etwas aussuchte.

Nach eingehendem Hin und Her kamen die drei schließlich zu dem Ergebnis, dass man sich zum Geburtstag zehn Euro und an Weihnachten fünf Euro schenken wollte.

Wie bereits die Jahre zuvor, verbrachte Elfriede auch jenen heiligen Abend bei ihren beiden Kusinen.

Nach dem Essen war es dann endlich Zeit für die Bescherung.

Elfriede hatte zwei Fünf-Euro Scheine fein säuberlich in eine JOBA-Design-Card mit ausgesucht schönem Weihnachtsmotiv gelegt und dazu ein paar Zeilen geschrieben.

Feierlich überreichte sie jeder der Kusinen nacheinander ihre Briefumschläge.

Auch Elfriede erhielt je ein Briefkuvert von ihren Kusinen.

So saßen sie nun da die drei. Jede mit ihrer Gabe in den Händen, während im Hintergrund zarte Weihnachtsharfen spielten. Der heilige Abend schien perfekt.

Es wäre sicherlich auch bei dieser entspannten, heimeligen Atmosphäre geblieben, hätte Elfriede nicht ihr Kuvert aufgerissen.

Ihr Gesichtsausdruck spiegelte eine Mischung zwischen Entsetzen und Überraschung wider. Aus dem soeben geöffneten Kuvert lugte ein Zehneuroschein. Noch sagte sie nichts.

Sie öffnete das zweite Kuvert und auch darin fand sie einen etwas zerknitterten Zehneuroschein.

Noch während die Kusinen damit beschäftigt waren mittels Brieföffner ihre „Gaben“ zu Tage zu fördern, überlegte Elfriede angespannt, ob sie sich so täuschen konnte.

Aber dann fiel ihr ein, dass sie der Kusine zum Geburtstag vor zwei Monaten zehn Euro ins Kuvert getan hatte. Also lag sie mit ihren fünf Euro als Weihnachtsgeldgeschenk doch richtig!

Es schien ewig zu dauern, bis endlich eine der Kusinen ihren Umschlag fein säuberlich geöffnet hatte. Vorsichtig zog sie die Karte heraus öffnete sie und staunte nicht schlecht.

Elfriede wusste sofort, dass die Überraschung der beiden nicht gespielt war.

Lore fand als erste wieder die Worte.

„Du hast dich wohl vertan“, meinte sie zu Elfriede. Weihnachten waren doch zehn Euro ausgemacht und zum Geburtstag fünf.“

Elfriede wusste jedoch ganz genau, dass es gerade umgekehrt war.

 

„Nein“, erwiderte sie daher sofort, „gerade andersrum ist es. Du hattest doch im Oktober Geburtstag erinnerst Du Dich? Da habe ich zehn Euro gegeben.“

„Ja, das war ja auch ein runder Geburtstag“, konterte die Kusine ohne Scham. „Bei einem Runden geben wir ja immer etwas mehr.“

Während die Engelschöre aus dem Radio zu einem Crescendo anhoben, wurden auch die Stimmen in der weihnachtlich geschmückten Stube jetzt lauter.

Die beiden Kusinen waren sich zweifellos einig, dass sie im Recht waren und Elfriede ärgerte sich, da sie hundertprozentig sicher war, dass sie Recht hatte.

Schließlich gab sie klein bei.

Wozu sich am heiligen Abend wegen fünf oder zehn Euro in die Wolle kriegen, sagte sie sich und zog ihre Geldbörse hervor um betont großzügig und überaus herzlich ihre angeblich fehlenden Scheine nachzureichen.

Für Elfriede war der Fall trotzdem noch nicht komplett abgehakt, denn sie war sich nach wie vor sicher, dass die Kusinen mit ihrer Annahme falsch lagen.

Am meisten ärgerte sie sich natürlich darüber, dass man ihr den Vergesslichkeits-Schuh anziehen wollte. Nur weil sie die Älteste von den dreien war.

Der restliche Abend wurde dennoch in trauter Dreisamkeit gefeiert und jede überlegte sich welchen Herzenswunsch sie sich für die zehn Euro erfüllen würde.

 

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Offline

Allabendlich nach zwanzig Uhr ist Elfriede offline. „Offline“ heißt in diesem Fall ganz simpel, dass sie den Telefonstecker gezogen hat und somit keine Anrufe mehr entgegennimmt.

Diese Marotte pflegt sie schon jahrzehntelang bis auf den heutigen Tag.

Nur Insider wissen um den wahren Grund für diesen Kommunikationsstopp, der mittlerweile über zwanzig Jahre andauert.

Als an jenem Abend gegen einundzwanzig Uhr das Telefon klingelte, meldete sich eine ihr unbekannte, jedoch freundliche Männerstimme. Kurz und knapp teilte er ihr mit, in den nächsten zwanzig Minuten bei ihr zu sein und das Klavier zu liefern.

Alle Alarmglocken schrillten gleichzeitig in Elfriedes Kopf. Anstatt einfach aufzulegen, hielt sie den Hörer krampfhaft fest ans Ohr gepresst, anfangs nicht imstande einen vollständigen Satz zu formulieren.

„Das muss eine Verwechslung sein“, schrill klang Elfriedes Stimme nach dem ersten Schock, „ich habe doch kein Klavier bestellt!“

„Ich werde in Kürze da sein und den Flügel abliefern“, meinte die freundliche Männerstimme gelassen. Dann war die Leitung tot. Er hatte aufgelegt.

Auch Elfriede legte auf. Ihr Puls raste während sich in ihrem Kopf wirre Szenarien abspielten. Was nun? Ein Flügel! Um diese Zeit!

Völlig außer sich klingelte sie, wenn auch ungern, beim Wohnungsnachbarn und schilderte aufgeregt ihr soeben geführtes Telefonat.

„Machen Sie sich nichts draus,“ beruhigte sie der Nachbar „der wollte sie nur in Panik versetzen. Wenn so was wieder vorkommt, legen Sie einfach den Hörer auf.“

Elfriede war durchaus gewillt diesem Rat zu folgen, doch befürchtete sie nach wie vor, dieser Anrufer könne tatsächlich bei ihr auftauchen. Ob mit oder ohne Flügel. Einfach ganz irdisch und das wollte sie auf gar keinen Fall.

Doch es war wie ihr der Nachbar prophezeit hatte. Nichts geschah.

Tage später schreckte sie wieder schrilles Telefongeläut auf. Diesmal allerdings mitten in der Nacht und aus dem Tiefschlaf.

Mit Herzrasen eilte Elfriede in den Flur zum Telefon. Als sie aufgeregt den Hörer abnahm und lauschte, war am anderen Ende der Leitung nichts als Stille zu hören. Entweder hatte der Anrufer aufgelegt, oder er lauschte ebenfalls. Elfriede wurde einige Schimpfwörter an den Anonymus los und knallte den Hörer auf die Gabel.

Mit der restlichen Nachtruhe war es für Elfriede damit vorbei.

Dieser Vorfall wiederholte sich in unbestimmten Abständen, bis Elfriede nicht mehr gewillt war diesen Telefonterror mitzumachen.

Sie beschloss jeglichem nächtlichen Anruf den Garaus zu machen, indem sie den Telefonstecker punkt zwanzig Uhr aus der Dose zog.

Zum Glück kam es nie zu der von ihr befürchteten Abmahnung seitens der Post.

Sie war sich nicht sicher, ob dieses ständige Aus- und Einstecken der Telefonverbindung überhaupt erlaubt war...

 

Im Laufe der Zeit hatte sich das Telefonstecker ziehen fest in Elfriedes Tagesablauf integriert und wird bis auf den heutigen Tag eifrig praktiziert.

Denn bis heute sieht Elfriede keinen Grund ihr Ritual aufzugeben. Nach zwanzig Uhr ist sie nicht mehr auf Sendung, basta!

Schließlich ist nichts so wichtig, als dass man es nicht auch noch am nächsten Morgen mitteilen könnte. Und Hiobsbotschaften will sie auf die Nacht sowieso keine mehr hören. Schlaflose Nächte sind ungesund.

Zudem begründet sie ihren Kommunikationsstopp damit, dass sie in Ruhe fernsehen möchte und nach acht Uhr abends einfach nicht mehr gestört werden will.

„Nach achte bin ich offline“, verkündet sie lächelnd.

db_sonnenb

Augen auf

Elfriede hatte mit zunehmendem Alter an Sehkraft verloren. Mit dem linken Auge sah sie ohnehin seit ihrer Kindheit so gut wie nichts und jetzt war das rechte Auge vom grauen Star befallen.

Der Augenarztbesuch lag etwa ein halbes Jahr zurück man hatte ihr damals schon prophezeit, dass sie wahrscheinlich nicht um eine Augenoperation herum käme.

Doch noch konnte sie ihren Hobbys frönen: Lesen, kreuzworträtseln, fernsehen.

So langsam machte sich jedoch dieser graue Star derart bemerkbar, dass sie nur noch große Buchstaben lesen konnte und auch das Fernsehbild wie durch einen Nebel sah.

Schließlich gab sie sich einen Ruck und meldete sich zur Augenoperation an.

Sie hatte Glück und bis zur OP nur vier Wochen Wartezeit.

Doch bis dahin war noch lange hin. Sie konnte es sich beim besten Willen nicht vorstellen wie es sein würde ohne Brille zu sein, da sie zeitlebens eine Brille getragen hatte.

Verständlich, dass dieses Thema nun das Thema Nummer eins war. Von verschiedenen Leuten aus der Nachbarschaft hörte Elfriede dies und das.

Auch Frau Krähenfuß war diesbezüglich in ihrer feinfühligen Art nicht gerade zurückhaltend. Wusste sie doch ganz genau, was da alles schief laufen konnte: „Wenn die Pfusch machen, dann sehen sie gar nix mehr.“ War nur einer ihrer fundierten Kommentare.

Auch Elfriedes Kusine hatte bereits eine Augenoperation hinter sich. Sie war damals allerdings ein paar Tage im Krankenhaus gewesen.

Doch bei Elfriede sollte alles ambulant gemacht werden. Also kein Krankenhausaufenthalt.

„Wenn ich das eine Auge verbunden habe sehe ich doch gar nichts mehr“, sagte sie immer wieder zu ihrer Tochter. Diese erklärte dann jedes mal, dass nach der OP kein Verband auf das Auge komme und sie sofort wieder sehen werde.

Nun gut. Elfriede ließ den Tag auf sich zukommen, packte ihr Köfferchen und sah dem bevorstehenden Ereignis recht zuversichtlich entgegen.

Sie würde nach der OP ein, zwei Tage bei der Tochter bleiben. Es war fast wie eine kleine Reise.

Am Tag der Operation verlief alles wunderbar. Nach gut einer Viertelstunde war das Auge operiert und nachdem die Narkosewirkung nachgelassen hatte und ein paar Stunden ins Land gegangen waren stellte Elfriede erstaunt fest, dass sie tatsächlich ohne Brille alles sehen konnte. Es war einfach unglaublich!

Jedoch bereits am nächsten Morgen war die Freude über die neue Sicht bei Elfriede schon getrübt.

„Ich wusste gar nicht dass ich so viele Runzeln habe, das ist ja schrecklich! Ich sehe ja aus wie ein altes Weib“, stellte sie entsetzt fest, nachdem sie die Morgentoilette hinter sich hatte. „Außerdem sehe ich ohne Brille beschissen aus.“

Die Stimmung war auf dem Nullpunkt angelangt.

Runzeln! Das war Sache. Dass man mit vierundachtzig Jahren durchaus die eine oder andere Falte im Gesicht haben darf, interessierte Elfriede momentan überhaupt nicht.

Tags darauf nach dem ersten Kontrolltermin beim Augenarzt, ließ es sich Elfriede nicht nehmen einen Abstecher beim Optiker zu machen. Dort kaufte sie sich eine neue Brille mit Fensterglas.

Kurz darauf war die Welt wieder in Ordnung.

Mit ihrer chicen Fensterglasbrille gefiel sich Elfriede wieder richtig gut.

Dank der Operation konnte sie nun wieder nach Herzenslust lesen und rätseln.

An die Falten würde sie sich im Laufe der Zeit auch gewöhnen müssen. Wenn auch nur widerwillig:

 

db_ABENDSTIMMUNG